Plattenwechsel: Praxistipps
Eine wichtige Behandlungsmöglichkeit der Pierre-Robin-Sequenz ist die Tübinger Gaumenplatte. Um aus der Klinik entlassen werden zu können, müssen Eltern den täglichen Plattenwechsel der Tübinger Gaumenplatte selbstständig und sicher durchführen können.
Praktische Tipps rund um den Plattenwechsel der Tübinger Gaumenplatte haben wir als betroffene Eltern in diesem Aritkel zusammengefasst.
Bitte beachtet, dass jedes Kind individuell behandelt und betreut werden muss. Dies sind Praxistipps, die in unserem Fall nützlich waren. Dies muss nicht bei allen Kindern zutreffen. Beratet Euch unbedingt mit den behandelnden Ärzten und findet eine Lösung, die für Euer Kind passend ist.
Grundsätzliches zum Plattenwechsel
Der Plattenwechsel der Tübinger Gaumenplatte wurde bei uns in der Universitäts-Frauenklinik Tübingen anfangs durch das Pflegepersonal bzw. den Kieferorthopäden einmal täglich durchgeführt. Beim Plattenwechsel werden folgende Dinge gemacht:
Als Eltern schauten wir das erste Mal zu, bereits beim zweiten Mal wurden wir aktiv einbezogen. Dies ist sehr wichtig, denn erst wenn beide Eltern sicher sind, ist eine Entlassung aus der Klinik möglich. Wir haben es uns sehr schwierig vorgestellt. Allerdings ging es bereits nach wenigen Malen sehr gut.
„Sie werden den Plattenwechsel als Eltern irgendwann viel besser können als wir“
– Aussage einer Pflegerin auf der Neonatologie 2 in Tübingen
Sätze wie diese beruhigen. Ob man es irgendwann viel besser kann, kann man sicher bezweifeln. Aber man kann es sehr gut und das ist die Hauptsache.
Während des Klinikaufenthalts wird die Platte beim Aufteten von Druckstellen zusätzlich durch den Kieferorthopäde angepasst z. B. durch schleifen und polieren. Dass Druckstellen auftreten ist ganz normal. Gerade wenn in den ersten Tagen wenige oder gar keine Druckstellen auftreten, kann es frustrierend sein, wenn diese dann irgendwann kommen. Auch das ist normal. Sich selbst hier keinen Druck machen!
Selbstständiger Plattenwechsel zuhause
In der Klinik ist i. d. R. alles vorhanden, um den Plattenwechsel durchführen zu können. Doch zuhause steht meist nicht alles zur Verfügung, daher ist es sehr wichtig, sich gut vorzubereiten, im Idealfall bevor das Kind nach Hause kommt.
Der Plattenwechsel sollte einmal täglich durchgeführt werden!
Vorbereitung
Sobald ihr alles zuhause habt, ist es wichtig, den Platz des Plattenwechsels möglichst effektiv und effizient zu gestalten. Wir wählten dafür den ganz normalen Wickeltisch. An diesem konnten wir zu zweit von zwei Seiten arbeiten. Grundsätzlich empfiehlt sich, den Plattenwechsel zu zweit durchzuführen.
Inspiriert von der Klinik haben wir eine Plastikbox mit Deckel mit allem benötigten Zubehör für den Plattenwechsel hergerichtet. Darin waren:
BILD
Achtet darauf, dass ihr alles nicht nur einmal kauft, sondern auch frühzeitig neue Vorräte anlegt. Für manches braucht ihr ggf. ein Rezept oder muss in der Apotheke erst bestellt werden.
Durchführung
Der Plattenwechsel empfiehlt sich, wenn das Kind ansonsten zufrieden also satt ist. Nachdem das Kind am Plattenwechselort liegt, die eigenen Hände gründlich waschen und ggf. desinfizieren. Dann kann’s los gehen.
Eins noch vorweg: Es kann vor allem zu Beginn schwierig zu ertragen sein, das Kind schreien zu hören, weil man es selbst dazu bringt. Allerdings ist das normal und das Kind hat nur wenige Sekunden, wo es wirklich unangenehm sein kann. Macht euch keine Sorgen! Bei uns hat das Kind nach wenigen Wochen fast gar nicht mehr geschrien.
Schritt 1: Platte entfernen
Einer hält den Kopf des Kindes. Der andere fixiert mit einem Finger das X der Steri-Strips und einem anderen Finger derselben Hand die Platte am harten Gaumen. Dann werden die Gummis der Steri-Strips ausgehängt und die Platte aus dem Mund entfernt. Es ist darauf zu achten, dass dabei die Drähte nicht verbogen werden.
Schritt 2: Prüfen des Mundraums auf Druckstellen
Mit der Rückseite der Zahnbürste o. ä. kann die Lippe etwas zur Seite geschoben werden, um das Zahnfleisch auf Druckstellen überprüfen zu können. Gibt es neue, muss die Platte unter Umständen angepasst werden. Gibt es keine, die zurückgehen bzw. keine neuen, kann’s weitergehen.
Schritt 3: Pflege des Mundraums
Zuerst mit einem trockenen Tupfer den Bereich, wo die Platte saß, abtupfen, um z. B. Rückstände der Haftcreme zu entfernen. Danach einen weiteren Tupfer mit der Bebanthen-Lösung tränken und die genannten Bereiche abtupfen.
Schritt 4: Reinigen und Prüfen der Platte
Die Platte mit Leitungswasser abspülen, neutrale Zahncreme auftragen und mit der Zahnbürste gründlich reinigen. Darauf achten, dass die Drähte nicht verbogen werden. Sobald die Platte sauber ist, auf Risse oder sonstige Beschädigungen prüfen. Sobald etwas auffällt, auf gar keinen Fall wieder einsetzen!
Schritt 5: Entfernen und Erneuern der Steri-Strips (nur wenn notwendig)
Ein täglicher Wechsel der Steri-Strips ist i. d. R. nicht notwendig. Notwendig wird dieser, sobald die Strips nicht mehr richtig halten oder der Zug auf die Gummis und somit die Platte zu gering ist.
Beim Wechsel den Pflasterentferner auf einen Tupfer aufsprühen und auf die Pflaster auftragen. Danach die Pflaster nacheinander vorsichtig abziehen und mit dem getränkten Tupfer zwischen Haut und Pflaster nachtupfen, um den Zug zu verringern. Danach den Bereich ggf. reinigen und das Harz mit dem Wattestäbchen entlang der zukünftigen Klebefläche auftragen und etwa eine Minute einwirken lassen.
Schritt 6: Einsetzen der Platte
Ausreichend, jedoch nicht zu viel Haftcreme auf die Platte auftragen und ggf. Gummis der Steri-Strips einhaken. Danach die Platte einsetzen und mit einem Finger etwa 30 Sekunden am harten Gaumen andrücken. Die Zunge muss unbedingt vom Plattensporn erwischt worden sein, sodass sie nach vorne gedrückt wird. Sobald die Platte richtig sitzt und fest ist, die Steri-Strips in X-Form befestigen. Dabei ist darauf zu achten, dass die Gummis etwa 1 cm lang gezogen werden, dann der Steri-Strip erst festgeklebt wird. Die Gummis dürfen keine O-, sondern eine ovale Form haben. Fertig.
„Je zorniger das Kind aussieht, desto besser sitzen die Steri-Strips.“
– Praktischer Tipp einer Pflegerin
Nachbereitung
Sobald alles sitzt und man das Kind losgelassen hat, sollte man nochmal alles prüfen.
Fazit
Der Plattenwechsel der Tübinger Gaumenplatte ist ein tägliches, wichtiges und notwendiges Thema für Eltern von Kindern mit Pierre-Robin-Sequenz. Ist man geübt und gut vorbereitet, dauert der gesamte Prozess des Plattenwechsels nur wenige Minuten.
Bei uns dauerte der Plattenwechsel etwa eine Woche, nachdem wir zuhause waren, nicht mal mehr fünf Minuten. Das Kind weinte quasi nicht mehr und war nur noch wenige Sekunden wirklich unzufrieden. Es war komplette Routine, obwohl wir uns täglich abwechselten, sodass jeder mal wechselte und mal hielt.
